– Der gottlose Gott

Der sexuelle Missbrauch und die Misshandlung minderjähriger Schutzbefohlener durch zahlreiche Geistliche der katholischen Kirche und ihre Mitarbeiter erschüttern ein weiteres Mal die Welt und die Kirche selbst. Sie nämlich hat allen Grund, eine existenzielle Krise mit ungewissem Ausgang zu befürchten. Wohl dieser Furcht verdanken sich Entsetzen und Betroffenheit eines Joseph Ratzinger und seiner Nach­ge­ord­neten und nicht dem so lange schon bekannten Leid und Elend der Missbrauchsopfer. Jedes der genannten Delikte ist auch in der übrigen Gesellschaft massenhaft verbreitet. Doch Menschen in der Täterschaft zu sehen, die seit nunmehr 2000 Jahren Heiligkeit, Besitz der Wahrheit und Verkörperung des absoluten moralischen Maßstabs für sich beanspruchen: Das ist ungeheuerlich, brisant und katastrophal. Und doch weisen Empörung und Diskussion über den Kindesmissbrauch nur auf einen Teilaspekt der kirchlichen Problematik.

Um es kurz zu machen: Ein Glaube, der nur von spitzfindigen "Theologen" – mit allerlei Unvernunft und nur zweifelhaft – glaubhaft gemacht werden kann, dieser Glaube taugt nichts. Ein Glaube muss im unverbildeten Herzen des Kindes wie im hartgesottenen Gemüt des vom Schicksal gebeutelten Alten ankommen, verstanden, beherzigt und wie ein Schatz gehütet werden. Dieser Glaube muss nicht an einen über- oder widernatürlichen Gott gerichtet sein! Sollten sich aber Menschen dazu aufschwingen, als Geistliche einen Gottes-Glauben zu verkünden und Gebote zu predigen, dann steht und fällt ihre Daseins­berechtigung mit der unverbrüchlichen Befolgung ihres göttlichen Auftrags – steht und fällt in letzter Konsequenz mit diesem Gottesbild.

Und hier, an der Wurzel der Religionen, liegt es im Argen: Welchem Gott dienen die Kirchen? Die sogenannten heiligen Bücher geben Auskunft: Neben vielen sehr weisen und aufbauenden Sprüchen wimmelt es in ihnen nur so von Aufrufen Gottes zu Gewalt, Völker- und Kindesmord, zu Folter, Betrug und Raub, zu Intoleranz und Unmenschlichkeit. Ja, der Gott der Bibel ist ein Verbrechergott, ein gottloser Gott! Ein Gott, der die Seelen verstört, das Denken lähmt und die Herzen in blinde Gefügigkeit treibt. Vor diesem Hintergrund wird die bodenlose Kriminalgeschichte des Christentums erklärbar.

Wenn Kirchen einen selbsterfundenen Gott verhöhnen, ist dies die niederträchtigste Art von Gottlosigkeit und die bösartigste Täuschung der suchenden Menschen. Jeder Konfessionslose, Agnostiker, Atheist, der nicht glauben will und kann, wovon Herz und Verstand ihm abraten, ist unendlich ehrenwerter, liebens- und glaubwürdiger als Vertreter einer Religion der faktischen Gottlosigkeit. Deren 2000-jähriges Reich wurde auf eine fassadenhafte Scheinheiligkeit und ein dahinter verbrämtes gigantisches Verbrechertum gegründet: Die größte Verbrecher­organisation der Menschheit! Und der Staat? Er hält – aus Gewohnheit, Bequemlichkeit und trügerischem Mehrwertsdenken – noch an der Kungelei mit den Betrügern fest. Diese leben wirtschaftlich von den mehr oder weniger den Menschen abgepressten Geldern. Geistlich leben sie schon seit annähernd 2000 Jahren nicht mehr, sind nur ein starrer profaner Machtapparat, ausschließlich auf weltliche Werte gestützt und auf – Gottlosigkeit. Eine stinkende Kirchenleiche. Im Moment steigt der Gestank der Kinderschänderei und der Vertuschungsversuche zum katholischen Himmel.

Hier zeigt sich wiederum die Unredlichkeit der Kirchenmänner: Mal wird allen Ernstes der Zeitgeist als eigentlicher Auslöser der klerikalen Kinderschändungen vorgeschoben; dann wieder soll der erst spät in einer anderen Epoche des Zeitgeistes von der Kirche eingeführte Zölibat dem heutigen Zeitgeist nicht geopfert werden. Hat diese Kirche ihre grässlichsten Verbrechen nicht immer im Strom des jeweiligen Zeitgeistes bzw Zeitungeistes begangen, vertuscht oder geheiligt? Wenn es Werte gibt, die über jeden Zeitgeist erhaben sind: Die Kirche hat sie verraten! Diese Werte gibt es! Sie gehören in gesellschaftliche Obhut. Nur offene Gesellschaften sind in der Lage und willens, die von ihnen verschuldeten Fehlentscheidungen zeitnah zu ahnden, zu korrigieren. Die Kirche benötigt Jahrzehnte oder Jahrhunderte, um Fehler als solche auch nur anzuerkennen. In kirchlichen Händen sind die Grundwerte einer Gesellschaft in unsichersten, trägsten und falschesten Händen, wie die Geschichte beweist.

Die Suche nach der Wahrheit deutet auf das Prinzip eines amoralischen "Gottes", nicht mit moralischem Menschenmaß berechenbar, nicht als einträgliches Geschäftsmodell geeignet. Ein "Gott", der menschelnde Projektionen abprallen und Menschen ihre Selbstverantwortung wahrnehmen lässt. Die verführerisch bitter-süße, vergiftete Anmaßung der sog. Gottesdiener ist in letzter Konsequenz ein mörderischer Betrug.

Nicht Vertreibung und Ausrottung können die Antwort an diese unheilige Kaste sein: Dies wären von der Kirche bevorzugte Methoden, obsolet und – von der Gesellschaft! – weitgehend überwunden. Nein, frei und ungestört soll sie wirken dürfen, aber ihren Lebensunterhalt ausschließlich leistungsgerecht von dem Ertrag bestreiten, den ihre Anhänger ihr aus freien Stücken zukommen lassen. Menschen, nicht Institutionen, Anhänger, die im täglichen Ringen um Glaube, Liebe, Hoffnung überzeugt und begeistert werden müssen. Nur dann werden wir die Spreu vom Weizen trennen können. Nur dann können wir von realistischen und nicht nur statistisch manipulierten Mitgliederzahlen der Kirche ausgehen! Wir können bei der Lösung drängender Zukunftsaufgaben keine Kirche gebrauchen, die wie eine Staatsmätresse hoch alimentiert, überaus eitel und unglaublich arrogant, menschen- und leistungsfern weiter so dahinexistiert. Wir müssen das in der Gesamtheit träge, korrupte Pfaffentum loswerden und so vielleicht die dringend benötigten Weisen gewinnen, die weiter als 4-5 oder auch 50 Jahre in die globale Zukunft schauen, die aus Berufung in der Nähe der Armutsgrenze leben, um ihre Hellsichtigkeit zu bewahren und ihre Verbindung zur Quelle echter Kraft und Herrlichkeit nicht zu verlieren, die uns zeigen können, wie es sein kann und wie es sein soll.

Eugen Drewermann in Dankbarkeit zugedacht
 
 
C.c.: Unsere Staats-Kirchen müssen von Rechts wegen abgeschafft werden!
 

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