Thema: Stammzellen
Meine Erwartung und Empfehlung:
Die Bundesrepublik Deutschland wird sich der freien Stammzellforschung nicht verschließen (können).
Es ist merkwürdig, mit welch "heiligem" Eifer Leben im Morula-Stadium geschützt wird. Und zwar von Institutionen, die sonst gerne mal den einen oder anderen, auch mal tausende oder millionen Menschen über die Klinge springen lassen, wenn "Gott es will", wenn ein "Führer" es will, wenn die "Wirtschaft" es will.
Wie kann es sein, dass Abtreibungen unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt sind – aber nicht die Zerstörung von In-vitro-Embryonen zur wissenschaftlichen Nutzung embryonaler Stammzellen? Oder dass die "Pille danach" (hormonelle Tötung eines Embryos) erlaubt ist, obwohl sie das gleiche Embryonalstadium betrifft, das zur Stammzellgewinnung benötigt wird?
Wie kann es sein, dass deutsche Forscher importierte menschliche Stammzellen verwenden dürfen – aber nicht hierzulande produzierte? So wird lediglich die Zerstörung menschlicher Embryos im Ausland gefördert. Die vorgegebenen ethischen Bedenken werden ein wenig aus dem Gesichtsfeld verdrängt, nicht umgesetzt.
Wie kann es sein, dass Agrarkonzerne blindgierig auf "Biosprit" umsteigen dürfen, während der Hungertod (auch unzähliger Kinder) in der Welt noch lange nicht besiegt, aber durch "Hunger-Sprit" noch bewusst zusätzlich gefördert wird? Geburtenkontrolle, nicht Mord oder Totschlag sind gefragt!
Wie kann es sein, dass embryonale Zellklumpen einen höheren ethischen Stellenwert erhalten als Tausende, vielleicht eines Tages Millionen leidender Menschen, denen durch die Stammzellforschung geholfen werden kann?
Wo bitte beginnen für den Gesetzgeber Würde und Schutzbedürftigkeit menschlichen Lebens, wo hören sie auf? Ganz zu schweigen von der Würde und Schutzbedürftigkeit des Lebens generell! Aber da sind wir Menschen über alle (Selbst-)Zweifel erhaben: Pflanzliches und tierisches Leben kümmert die meisten von uns einen Dreck! Die Streitgespräche über Stammzellen wären ehrlicher, grundsätzlicher und würdevoller, wenn alles Leben in die Erwägungen einbezogen würde! Aber bleiben wir zunächst beim menschlichen Leben:
Solange im Embryonalstadium noch keine Organe differenziert sind, kann m. E. nicht von einem menschlichen Individuum gesprochen werden. Die Stammzellforschung und auch die In-vitro-Erzeugung von Embryonen zur Stammzellgewinnung verletzt keine ethischen Grundsätze. Jede menschliche Samen- oder Eizelle birgt die Fähigkeit, menschliches Leben entstehen zu lassen. Sie verfallen billionenfach unverrichteter Dinge. Die Natur entlässt in astronomisch hoher Zahl fertig entwickelte Lebewesen in Form von Samen in die Welt: Fast alle kommen vorzeitig darin um.
Die Diskussion um Stammzellen erinnert mich an die peinliche Würde-des-Menschen-Diskussion vor vier Jahren. Damals wurde in den höchsten Tönen gegen die "Würdelosigkeit" protestiert, mit der ein Anatomie-Professor (G. v. Hagens) menschliche Leichen durch Plastination vor der Verwesung bewahrte, um sie in sensationell lehrreiche und durchaus ästhetisch ansprechende anatomische Modelle zu verwandeln, die übrigens den zeichnerischen Darstellungen des A. Vesalius verblüffend ähneln. In dem damaligen Sturm der Entrüstung erlaubte ich mir den Einwand, ob es der Vorstellung menschlicher Würde denn mehr entspreche, wenn lebende Menschen – damals hatte der Irakkrieg ein Jahr zuvor begonnen – zerfetzt, verbrannt oder auch "nur" erschossen würden. Ich kann mich an keine derart gründliche, vor Ethik und Menschenwürde triefende Verurteilung der kriegerischen "Verwertung" menschlichen Lebens erinnern!
Diese Episode erinnert wiederum an das Verfahren der Obduktion, das schon aus dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung aus dem antiken Griechenland und aus Oberägypten berichtet wird, aber unter der Christianisierung auf Ablehnung und Verurteilung stieß, heute aber als Rechtsgut die "Wahrung der Totenruhe" bei Weitem überwiegt.
Wir können also konstatieren, dass Verantwortliche einerseits trefflich und hehr über die Schutzbedürftigkeit und Würde von Zellklumpen und Leichen streiten, andererseits aber eine erschreckende Menschenverachtung und Menschenvernichtung walten lassen, wenn es um lebende Menschen geht! Die Geschichte bis auf den heutigen Tag belegt dieses bizarre Missverhältnis. Ist es ein animalischer Trieb, der den Wahnsinn zulässt, alle lästigen, konkurrierenden, "minderwertigen", untertänigen Menschen beiseite zu räumen? Und denken wir nur an die aktuelle soziologische Situation in Deutschland. Die Verantwortlichen lassen eine brutale Spaltung der Gesellschaft in wenige Reiche und eine Masse von Armen und Fast-Armen zu. Von diesem Punkt sind es nur wenige kleine Schritte zum hemmungslosen Feudalismus und schließlich Krieg mit der erwähnten Menschenvernichtung.
Daraus lässt sich abschließend für die Stammzellforschung nur folgern, dass wir religiös-verquastes Denken zugunsten eines ausschließlich humanen Abwägens und Entscheidens ablegen müssen. Die anfangs nur kurz gestreiften widersinnigen Auffassungen in unserer Justiz-, Ethik- und Würde-Landschaft könnten einer aufrichtigen Klärung näher kommen! Ich würde nach allem Angeführten auf die Strafverfolgung verzichten, wenn in deutschen Laboratorien schon heute im Sinne einer freien Stammzellforschung unter Ethik-Gesichtspunkten gearbeitet würde.
25. April 2008