Die Osterinsel-Parabel

 
Moais – Mahnmale des Untergangs
 

Die Osterinsel (Rapa Nui) – etwas kleiner als die Ostseeinsel Fehmarn – ist eine weitab gelegene, weitestgehend isolierte Insel im Südostpazifik. Sie ist heute ein aktuelles Denkmal, besser gesagt Mahnmal in Sachen Soziologie und Umweltschutz, war aber vor der Besiedelung durch den Menschen ein ausgewogenes Biotop mit mäßig artenreicher Flora und Fauna – angepasst an die lokal vorgegebenen natürlichen Bedingungen. Auch über mehrere Jahrhunderte nach dem Auftreten des Menschen konnte sie als Heimstatt für Pflanzen, Tiere und Menschen gelten. Doch dann …

27° 09′ südlicher Breite und 109° 25′ westlicher Länge
urwald     moais     moais     oedland

Als vermutlich in der Mitte des ersten Jahrtausends uZ von Westen her aus dem polynesischen Raum die Erstbesiedelung der Insel stattfand, gingen die neuen Bewohner über viele Jahrhunderte pfleglich mit ihrer Umwelt, den Wäldern, den Landtieren und Vögeln, den Küstenbereichen um. Die Gesellschaft der Insel wurde in etwa 12 Sippen, später Stämme aufgeteilt, deren Häuptlinge politische und religiöse Führer in Personalunion waren.

Nach etwa 600 Jahren eines weitgehend friedlichen Umgangs mit der Inselnatur, also um 1100 begannen die Insulaner mit der Errichtung riesiger religiöser Kult-Statuen, die menschliche Rumpf-Gestalten ohne Beine darstellten, angetan mit großem zylinderförmigen Kopfschmuck. Diese bis zu 85 t schweren Kolosse – und fast 1000 wurden geschaffen – wurden nach und nach rings um die gesamte Insel im Bereich des Küstensaums auf steinernen Podesten aufgerichtet. Sie waren mit starrem Blick aus übergroßen Augen der Insel zugekehrt und müssen für die einfachen Menschen ehrfurchtgebietend, ja furchteinflößend gewirkt haben – was wohl auch der eigentliche Hintersinn dieses Kults war. Jeder kennt die aggressive und provozierende Wirkung eines starren Blicks, den er unablässig auf sich gerichtet sieht. So waren die Insulaner auf ihrem Eiland regelrecht eingekreist, umzingelt. Dass diese Figuren als "Beschützer" verehrt werden mussten und unter den hypnotischen Blicken selbstverständlich "gerne" verehrt wurden, bedarf keiner besonderen Erwähnung.

Die Arbeiter konnten lediglich mit Steinwerkzeugen, aus Pflanzenfasern gedrehten Seilen und für lange Zeit eben auch mit genügend vielen Baumstämmen zu Werke gehen, um damit die Figuren aus dem Vulkangestein der Krater herauszuarbeiten, zu modellieren, über viele Kilometer auf hölzernen Gleitbahnen zu transportieren und schließlich auf der jeweiligen Ziel-Plattform aufzurichten. Nutztiere standen ihnen nicht zur Verfügung, alles konnte nur mit der eigenen Muskelkraft vollbracht werden. Der Boden und die Tierwelt der Insel mussten mehr und mehr ausgebeutet werden für die sich vergrößernde Inselgesellschaft, besonders aber für die chronisch anfallende Schwerstarbeit: Denn es entbrannte zu allem Überfluss ein wahnhafter, erbitterter Wettkampf zwischen den Stämmen um die größten Statuen …

1300 war die Insel komplett entwaldet. Das Todesurteil über die Menschen-, Tier- und Pflanzen-Gesellschaft war somit gefällt. Unfruchtbarkeit des ausgelaugten, ausgetrockneten, weggewehten und weggeschwemmten erodierten Bodens verhinderte eine auskömmliche Landwirtschaft. See- und Landvögel und andere Landtiere waren ausgerottet. Die Küstenfischerei wurde ertraglos, für die Hochseefischerei fehlte es an Baumaterial für seefeste Kanus. Handelsbeziehungen gab es wegen der riesigen Entfernungen zu den nächsten Inseln nicht. Das Fehlen tauschbarer Inselprodukte hätte solchen Handelsverkehr auch sinnlos gemacht.

Unter diesen Umständen brachen jetzt Unruhe, Aufruhr und kriegerische Kämpfe zwischen den Stämmen um die allerletzten Resourcen aus. Jetzt erst – hungernd und eine hoffnungslose Zukunft vor Augen – erkannten auch die einfachen Insulaner den Unfug ihres Kults und die verderbliche Führung ihrer Eliten. Die Statuen wurden umgestürzt, die Häuptlinge umgebracht. Doch die Erkenntnis kam zu spät. Die polynesische Osterinselgesellschaft ging zugrunde. Um 1650 lebten von den ehemals 20 000 Einheimischen wenig mehr als 100 …

Heute – etwa 400 Jahre nach dem Zusammenbruch – ist die Insel ein mythenbeladenes Touristenziel, ein Museum und internationales Arbeitsfeld einiger engagierter Hilfsaktivitäten. Diese haben mit teilweisem Erfolg die Wiederaufforstung, den Aufbau einer Infrastruktur und die bessere wirtschaftliche, verkehrstechnische, kurz: die zivilisatorische Anbindung an Chile zum Ziel. – Chile hatte die Insel im Laufe ihrer wechselhaften postkollaptischen Geschichte 1888 "annektiert".

Der Evolutionsbiologe Jared M. Diamond schildert in dem Buch "Kollaps" sehr anschaulich die wahrscheinlichen Ursachen und Abläufe des gesellschaftlichen Niedergangs verschiedener untergegangener Zivilisationen, darunter auch Rapa Nui, die so genannte Osterinsel.

24. Dezember 2008