Alles muss raus! Muss wirklich alles raus?

Wer kennt auch nur eine menschliche Tätigkeit, die – aus dem Menschen herausgenommen – nicht um ein Vielfaches optimiert oder maximiert worden wäre? Es ist offensichtlich das Erfolgsrezept der Spezies Mensch, alle seine Fähigkeiten zu sequestrieren, um sie so geradezu übermenschlich, mitunter monströs werden zu lassen.

Die 'Vorverdauung' übernehmen Esswerkzeuge und Hitze des Feuers schon seit unseren Urahnen. Das Gehen, Springen und Schwimmen wird durch allerlei Fahrzeuge um das bis 100-fache und mehr beschleunigt. Das Sehen im Sinne von Vergrößern oder In-die-Nähe-Holen wird bis in den Mikro- bzw. Gigabereich erweitert. Kaum ein Handwerk, das nicht mechanisiert, automatisiert und so den Händen entzogen wurde. Selbst fundamentale menschliche Gefühle wie Liebe und Hass werden der menschlichen Verfügung, Authentizität und Verantwortung teilentzogen, indem sie dämonischen Kräften angedichtet werden: Der Macht Des Bösen (sog. Teufel) sowie der "Allmacht" Des Guten (sog. Gott /deus caritas est …). Viele unserer Hirnfunktionen werden in ausgelagertem Zustand von Computern weit übertroffen: Wir können und müssen nicht alles wissen und im Gedächtnis behalten, wie es einstmals Universalgelehrte noch anstrebten:

Heute müssen wir in erster Linie die Quellen des Wissens kennen und nutzen können.
Und zurück bleibt ein Mensch, der fast alles weiß und fast nichts mehr kann …

… wenn nämlich der Strom ausfällt, das Auto eine Panne hat, die Atomkraft entfesselt ist oder der PC abstürzt. Ein Mensch, der auch schon ohne Stromausfall den allermeisten technischen Errungenschaften als hilfloser Ignorant gegen­übersteht. Ein Mensch, der viel ureigenes Können abgegeben, viel Zeit gespart und doch immer Zeitnot hat. Weil frei gewordene Zeit wieder neu besetzt und unser Alltagstempo stetig gesteigert wird.

Und doch – oder gerade deswegen – zeichnet es heute und für alle Zeiten wirkliche Bildung aus, die menschlichen Grundfähigkeiten der direkten Kommunikation, der Körperbeherrschung, des wissenschaftlichen, handwerklichen und künstlerischen Schaffens zu besitzen und zu pflegen. Das ganzheitliche Denken und Tun wird immer einen sehr hohen Stellenwert behalten. Wenn schon seit Jahrtausenden die Devise lautet alles muss raus, dann braucht die Gesellschaft besonders die Menschen, die prüfen, was denn noch alles 'raus muss' oder doch wieder zurückgewonnen werden sollte und was besser für immer im Menschen geborgen bleibt.

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