Darf’s ein Seelchen mehr sein?

Leib bin ich ganz und gar, und nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe.
Friedrich Nietzsche

Oder frei nach Ludwig Büchner:
Geist, Gefühl, Seele sind Produkte des Gehirns, wie Urin ein Produkt der Nieren ist.

Dass sich der Mensch als körperliches und daraus entwickelt als geistiges Wesen begreifen lässt, unterliegt keinem Zweifel mehr. Der Körper ist als eine Organisation materieller Substanzen begreifbar. Und dass dieser Organismus mit Hilfe seines Hirn-Organs zu erstaunlichen geistigen Leistungen aller Art befähigt ist, wird jedem und jederzeit als der große Segen und Fluch des Menschen erkennbar. Auch ist es kein Streitthema mehr, dass alle Lebewesen ihre Körper in Richtung optimierter Lebensqualität steuern, also ein Gespür für wohlige und widrige Lebens­umstände haben – somit mindestens auch über den Ansatz seelischer Qualitäten verfügen. Mit rigider Denkweise könnte oder muss auch der Materie der Keim einer Seele zugesprochen werden. Der Materie, die nicht nur das Geistprinzip in Form strenger Naturgesetze mit rasanten Bewegungen der Elektronen um die Kerne aufweist, sondern auch seelische Qualitäten ahnen lässt, wie unendliche Geduld, Verfügbarkeit, Bereitschaft zu Verbindungen mit anderer, auch fremder Materie aufweist und so zu ersten anorganischen, dann organischen Verbindungen und schließlich zum ersten einzelligen Lebewesen geführt hat, aus dem sich alles weitere Leben, die gesamte Biomasse entwickelt hat.

Alles ist materiell bedingt. Die mental niedrige Entwicklungsstufe und panische Angst vor all dem Unbekannten in der Welt waren der Grund für die Urmenschen, werkelnde, wachende und wütende Oberhäuptlinge anzunehmen, die all die "Hexereien" unserer Welt im Handumdrehen hinbekommen haben. Diese vor langer Zeit einmal berechtigte, Wissenslücken füllende Spekulation, die dann im Laufe der Menschheitsgeschichte verheerende Folgen zeitigen sollte, wird heute noch von vielen Menschen beibehalten, nachdem ihren Vorfahren über die Jahrtausende hinweg und ihnen selbst anstelle von Bildung der Götzenglauben mit den "Kunstgriffen" des mörderischen Terrorismus und himmlischer Versprechen "in Fleisch und Blut" übergegangen ist. Aberglauben statt Teilgabe und Teilhabe an Bildung. Der dumme und angstgequälte Mensch brauchte die Flucht in den Himmel. Doch der heutige Mensch darf diese Flucht nicht mehr antreten: Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse, also Verständnis, Verstand, Vernunft und – Lebensbejahung verbieten es. Die Fluchthelfer aber sind als religiotische Kidnapper, Schlepper und Lebensfeinde entlarvt und müssten verjagt werden! Diesseits im Universum ist unser Leben!

Doch mit der Definition einer Seele gab und gibt es schon größere Schwierigkeiten: Dieses Gemisch aus geistigen, körperlichen und gefühlsmäßigen Befindlichkeiten lässt sich nicht so leicht einfangen und daher vorzüglich zu allerlei Spekulationen, frommem Schwindel und Betrug missbrauchen. Die Neurowissenschaftler konnten die Abhängigkeit der "Seele" von der Verarbeitung verschiedenster Reize, Informationen und Datenströme im Gehirn nachweisen – also als körperbedingt verstehen. Bei der Hirnforschung konnten bestimmten Arealen zudem typische Verarbei­tungsmuster zugeordnet werden: Interessanterweise sind diese Muster für die beiden Hemisphären – "Halbkugeln" – des Gehirns auffallend spezialisiert. Wie eine Aufstellung der Begriffe zeigt, die der rechten oder der linken Hemisphäre zugeordnet werden, verfügen diese Hemisphären jeweils über ein ganzes Spektrum von psychisch relevanten und konträren Verarbeitungstendenzen. Schön, wie die wissenschaftliche Erklärung zu Goethes klarsichtigem Ausspruch über das menschliche Dilemma passt, als er Faust ausrufen lässt:

„Zwei Seelen wohnen – ach! – in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen. “

Wenn auch die seelischen Belange des Menschen entsprechend seiner hochentwickelten Datenverarbeitung im Gehirn sehr komplex sind, so können solche Funktionen unseren evolutionären Vorfahren mit Sicherheit nicht abgesprochen werden. Doch hier kommen wir zur eingangs gestellten Frage: Darf’s ein Seelchen mehr sein? Denn es scheint für alle, die danach verlangen, noch eine dritte Seele zu geben: Nach altem Muster will bis heute die katholische Kirche eine von Gott ausschließlich dem Menschen gestiftete Seele wahrhaben, die ins werdende Menschenkind hinabschwebt und beim Tod wieder zu Gott aufsteigt. Solche pseudospirituellen Klimmzüge hatten mal eine sinnstiftende Funktion (siehe oben), bevor die neugierigen, emsig forschenden Men­schen dazu­gelernt hatten. Und dabei auch mehr und mehr Möglichkeiten der Seelenheilung fanden: Seelsorge und Seelenheil in menschlicher Verantwortung und ohne metaphysischen Quatsch und Hokuspokus!

Und nebenbei liefert dieser Seelen-Dünkel ein weiteres, vielen willkommenes Alibi für die Verachtung und Zerstörung allen, aber auch allen "niederen" Lebens und schließlich auch allen nicht-konformen menschlichen Lebens, wie die Kirche selbst zig-millionenfach bewiesen hat! Die Geschichtsbücher sind doch übervoll davon!

 
C.c.: Unsere "Staats-Kirchen" müssen von Rechts wegen abgeschafft werden!
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