Religion vs. Philosophie?

Nur offene oder getarnte Diktaturen ignorieren aus Gründen des Machterhalts die Notwendigkeit, Grund­voraus­setzungen der menschlichen Kom­mu­nikation und Kulturfähigkeit von Kindesbeinen an zu erlernen und lebenslang zu üben – wie Lesen, Schreiben oder Rechnen. Doch in Bereichen der Wahrheits-Suche, der Suche nach einem persönlichen Lebensentwurf, der eigenen Stellung in der Welt, einem ganz persönlichen Leitmotiv – kurz: nach Weisheit, also Erkenntnis und Verständnis der komplexen Beziehungen zwischen Mensch und Mitwelt, gilt es seit alters her gerade auch in unserem demokratischen und neuerdings von der Politik "jüdisch-christlich" (korrekt wäre: " antijüdisch-christlich") propagierten Kulturkreis als etabliert, eine ähnlich ehrgeizige und leistungsstarke Entwicklung wie bei den genannten Basis-Fähigkeiten abzubremsen, geradezu einzupferchen. Leben wir in einer demokratisch getarnten konfessionellen Diktatur?

Dabei dürfen wir davon ausgehen, dass jeder Mensch als pluripotentes Wesen auf die Welt kommt und Anlagen zum "Arbeiter", "Künstler" und "Philosophen" mitbringt. Sein Arbeiter-Potential wird in der Folge intensiv gefördert und konditioniert. Das Künstlertum toleriert und fördert man inzwischen. Der Philosoph im Menschen aber wird schon in früher Kindheit ins Gefängnis einer Religionsunkultur geworfen.

Dem freien, nie endenden Suchen und Zweifeln, Akzeptieren und Verwerfen, Stolpern, Stürzen und wieder Auf­ste­hen, dem Erwachsenwerden im Denken und dem Erlernen ethischer Verantwortung wurde und wird bis heute ein kurzer Prozess bereitet: Philosophieren als volksweise Technik der Lebenskunst über das Pragmatische hinaus wird als Spinnerei belächelt und – durch militante Religionen ersetzt, die schon semantisch diesen üblen Geschmack einer rückwärtsgewandten Fixierung mit sich bringen. Einheitsglauben, Einheitsdenken und möglichst auch Einheitsfühlen, bis ins kleinste Detail reichende Gebote und Verbote nötigen die Menschen zum Knechtsgehorsam, verderben ihre angeborene natürliche Moral hin zur krämerhaften Berechnung des Gutseins zur Strafvermeidung oder zur Berechtigung einer Belohnung. Die religiöse unfreie, also amoralische Pseudo-Moral ist Dressur und nährt zudem unvermeidbar den Drang, die Ver- und Gebote zu übertreten, die Gängelung abzustreifen. Eigenständiges Denken, Vergleichen, Hinterfragen, Kritik und Skepsis oder gar Aufbegehren, Erneuern? Unerwünscht! Lange Zeit wagten die Menschen nicht einmal, die Religionsfunktionäre selbst beim Wort zu nehmen, die ihre eigenen "heiligen" Vorgaben, ihre eigenen Idole mit massenweisen Morden, massenhafter Unzucht, Verbrechen aller Art in den Dreck treten. Doch diese religionstypischen, besser gesagt kirchentypischen "Privilegien" verlieren mehr und mehr ihre Gültigkeit – ansatzweise bemerkbar etwa anlässlich der Aufdeckung unglaublich breit gestreuter Kinderschändungen durch zölibatäre Priester in aller Welt und seit – vielen Jahrhunderten.

Derart zugerichtete "fromme" Menschen lassen sich bequem lenken und manipulieren – und sie empören sich nicht: Seit Kindheitstagen und ringsumher kennen sie kaum Anderes, haben sie und ihre Ahnen und Urahnen sich an die Religions-Zwänge und -Hexerei gewöhnt, an eine Religion, die "Liebe zur Weisheit" als Zweifel an ihren Dogmen und daher als Sünde diffamiert. Und sie achten peinlich auf die Einhaltung der Dressurregeln, besonders bei ihren genauso armseligen Mitmenschen, die sie nach Herzenslust denunzieren, schikanieren und liquidieren können, wenn diese sich nicht linientreu unters Joch beugen. So sperrt die Religion den Platz, der unter humanen Bedingungen der Philosophie zusteht und nicht etwa Domäne der hochgelehrten wissenschaftlichen Philo­so­phen­schulen ist – so wie auch Lesen und Schreiben nicht (mehr) den Dichtern und Gelehrten vorbehalten sind. Die Religion zieht Menschen heran, die dem Staat willig und je nach Lage auch blutrünstig folgen, wenn etwa zum Krieg geblasen wird, endlich, endlich das Tötungsverbot aufgehoben ist, wenn Raub, Plünderung und Notzucht als "nun mal kriegstypische Kollateralschäden" um sich greifen.

Es ist doch merkwürdig, dass die Kirchen an kreationistischen Vorstellungen festhalten, die den Menschen nicht etwa realistisch als hochentwickelten Primaten, sondern als spezielle Sonderausgabe ihres göttlichen Designers sehen – diesem "Schöpfer" zum Verwechseln ähnlich und in die übrige "Schöpfung" als Herrscher hineingesetzt – und dass sie diese göttähnlichen und auch noch speziell beseelten Menschen dennoch ihrer spirituellen und ethischen Freiheit berauben, sie wie Tiere dressieren, d. h. mit realem Terrorismus und irrealen Jenseits-Versprechungen ihrer Doktrin gefügig machen müssen. Ganz offensichtlich hat das religiöse Denk- und Fortschrittsverbot auch ihren Urhebern den gesunden Verstand geraubt. Aber es hat so lange Zeit wie geschmiert funktioniert und funktioniert in armselig-bescheidenem Maße immer noch dank vieler bequemer Menschen, die erst in diesen Monaten wieder lernen müssen, was freiheitshungrige Menschen zu geben bereit sind und – welchen Einfluss Kirchen in ihrem indoktrinären Sinne auf alle Bereiche unseres Kulturkreises weiter ausüben wollen – gegen Demokratie- und Menschheits­rechte.

Unsere sogenannten rechtsstaatlichen Demokratien müssen sich ernsthaft überlegen, ob es ihnen genügt, im Vergleich zu unterentwickelten Nationen, zu unverblümten Diktaturen besser dazustehen oder ob sie dereinst verfassungstreue Demokratien und rechtlich einwandfreie Rechtsstaaten werden wollen – von beidem sind wir weit entfernt! – und ob sie metaphysische Illusionen predigende Institutionen überwinden wollen, um stattdessen ein Über-Menschentum anzustreben, das sich ethisch über die Möglichkeiten eines entfesselten Primaten hinaus entwickelt und das den einzigen zukunftsfähigen Überlebenstypus des Menschen darstellt. Auf diesem Weg des Lebens und Überlebens gilt es viel zu tun, gilt es vorrangig, Nutznießer und Machthaber der bestehenden Missstände und Weiter-so-Denkweise zu ersetzen und zu erziehen – vielleicht durch Pflicht-Nachhilfe in Philosophie!

Frühjahr 2011

Zurück zu Specials

Zurück zu Notizen und Aphorismen 2011

-


FACEBOOK
TWITTER
GOOGLE