Wulff und die Divinität

Eine moderne Gesellschaft,
die das Ideal der Demokratie anstrebt, weiß von den Mühen eines solchen Verfassungsauftrags, weiß von der Unerreichbarkeit eines jeden Ideals und nimmt so manche undemokratische Problemlösung noch gerade so hin, murrend, kritisierend und Verbesserung wünschend, erwartend und schließlich ultimativ fordernd.

Weise Menschen aus unserer Mitte
– und die Väter unserer Verfassung dürfen wir wohl als Weise bezeichnen – haben erkannt, dass staatlich verflochtene divine Strukturen Gift für eine Demokratie sind: Schleichendes, hemmendes und korrumpierendes Gift. Sie haben auch erkannt, dass viele Menschen – etwa Kinder, Kinder Gebliebene oder daran Gewöhnte – nach religiöser Führung verlangen, sie als Droge vermeintlicher Not- und Er-lösung wollen und die persönliche Suche nach einer eigenen Welt- oder Gottesanschauung scheuen.

Daher haben diese Weisen es jedem Bürger freigestellt, der Religion oder Weltanschauung anzuhängen, die er für erbaulich hält. Dieser liberalen Erlaubnis aber haben sie ein striktes Verbot gegenübergestellt: Die Vermischung staatlicher und kirchlicher Interessen.

Ja, die Divinität,
für viele Menschen die Notlüge vergangener Jahrhunderte, die Ausflucht aus schier ausweglos erscheinenden Notlagen und Missständen, das billige Trostpflästerchen der teuren Kirchen, der teuren "Monarchien von Gottes Gnaden". Diese Notlüge alter Zeiten war schon immer vorsätzlicher Betrug ihrer Nutznießer. Und sie wussten es, wissen es heute. Die Historie liefert schreiende Beweise. Aber dennoch:

Dieser Betrug ist doch so bequem:
"Religion gilt dem gemeinen Manne als wahr, dem Weisen als falsch und dem Herrschenden als nützlich." – wusste schon Seneca (4v-65 nuZ).

Die Monarchie wurde in Deutschland weitgehend abgeschafft. Die Entmischung von Staat und Kirche wurde zum Grundgesetz erhoben. Die Väter der Verfassung wussten, warum. Sie wussten, dass institutionelle Göttlichkeit – über das Private hinaus auf Staatsbelange ausgedehnt – Heuchelei ist, Ausflucht, Betrug. Sie haben es aber nicht für möglich gehalten, dass die Politik den Auftrag des Grundgesetzes missachten würde.

So ein wenig Monarchie
glaubte man erhalten zu müssen und hat das Führen von Adelstiteln nicht – wie etwa in Österreich – ganz verboten. So, als ob sich Adel vererbt. Die Kirche, ja, die mit dem Staat verquickte Kirche, die ungeniert alle demokratischen Rechte für sich nutzt, selbst aber ihre monarchischen und menschenrechtswidrigen Strukturen und Praktiken beibehält, ließ man gewähren, subventioniert sie gar. Und auf das Trennungsgebot angesprochen, wiegelt Politik ab und spricht zynisch von Kooperation.

Doch was hat dies alles mit Wulff zu tun?
Wulff ist der GAU des Bundespräsidentenamtes. Eines Amtes, dem die bisherigen Amtsinhaber kraft ihrer persönlichen Reife, Bescheidenheit und Aufrichtigkeit mehr oder weniger Glanz und einen Hauch von echter Divinität verliehen haben. Und dies ist die einzige in unserer Welt akzeptable Form von Divinität: Die persönlich erarbeitete, vorgelebte Rechtschaffenheit und Menschlichkeit. Der amtierende Bundespräsident Wulff hat durch die Aufdeckung mehrerer gravierender Vorgänge in seiner Vergangenheit und noch erschreckender durch den geradezu irrwitzig unehrlichen Umgang mit den Vorwürfen in der Gegenwart bewiesen, dass er ungeeignet ist, dieses Amt zu bekleiden. Ja, er versteckt sich sogar hinter der "Würde des Amtes" und ermahnt auch noch seine Kritiker, dieses Amt nicht zu beschädigen! Er lerne noch.

Diesen GAU hat Frau Merkel zu verantworten,
die gegen bessere und breit-erwünschte Kandidaten macht- und parteitaktisch diesen Mann durchgedrückt hat und offenbar immer noch nicht weiß, was das "C" im Parteilogo des Herrn Wulff bedeutet. Der schäbige Präsident hat sie enttäuscht, hat ihr Kalkül platzen lassen. Aber Wulff hat seinen Charakter, er ist so und bleibt so, auch nach seiner AZUBI-Zeit auf Schloss Bellevue. Fürchtet die bereits Blamierte denn die Blamage – und taktiert deswegen irgendwie genauso hinhalterisch, das rechte Auge zudrückerisch und – trotzig? Dabei darf Merkel im Gegensatz zu Wulff mit Nachsicht rechnen:
Wulff hat getäuscht. Sie – auch sie – ist getäuscht worden. Ist das Amt des Bundespräsidenten das höchste Amt im Staate, weil es hochdotiert oder weil es im Sinne der Ethik besonders anspruchsvoll und im Sinne politischer Neutralität besonders verantwortungsvoll ist, weil es eine Spur von Divinität zeigen soll?

10.01.2012

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