Latein und Altgriechisch als Kommunikationsgiganten

Latein und in ähnlicher Weise auch Altgriechisch lassen sich weder totsagen noch aus unserem Leben wegdenken. Nicht etwa wegen ihres schonungsbedürftigen Alters, sondern ganz pragmatisch wegen ihrer alltäglichen Nutzung in der modernen Kommunikationswelt. Diese alten Sprachen dienen in außer­ordentlich starkem Maße der Verständigung.

Den meisten von uns sind geflügelte Merksätze oder Aphorismen wie "in dubio pro reo", "nomen est omen", "manus manum lavat", "panta rhei" oder "oida ouk eidos" bekannt. Doch die eigentliche Domäne der beiden Altsprachen ist der Wissenschaftsbereich – und zwar nicht nur der Medizin oder Botanik. Als ehemals akademische Umgangssprachen halten sie uns heute ein riesiges Repertoir an international gültigen termini technici bereit, mit deren Hilfe unmissverständlich Sachverhalte definiert und übermittelt werden können, ohne dass die jeweilige Landessprache perfekt beherrscht werden muss. Beispiel: Das Akronym "Laser" setzt sich aus den Anfangsbuchstaben von fünf Begriffen zusammen, von denen vier lateinischer Herkunft sind: amplificatio, stimulare, emittere, radiatio (Light amplificatin by stimulatet emission of radiation).

Oder es kann beispielsweise eine bestimmte Pflanze nur anhand ihres botanischen (lateinischen und/oder griechischen) Namens eindeutig eingeordnet werden: Die national und obendrein regional differierenden fantasievollen Namen einer Staudenpflanze wie etwa "Taubenblume, Tauberln, Elfenhandschuh, Kapuzinerhütli, Schlotterhose, Venuswagen, Pfaffenkäppli, Fünf-Vogerl-z’samm" meinen alle die "Akelei" werden aber erst mit dem botanischen Namen "Aquilegia" knapp und bündig auf einen gemeinsamen "Nenner" gebracht. Nein, die alten Sprachen leben, sind quicklebendig, solange sie uns etwas zu sagen haben.

Die Mehrzahl aller unserer Fremdwörter haben lateinische Wurzeln, viele sind dem Griechischen entlehnt und eine ganze Menge bedienen sich zugleich beider Altsprachen. Diese Wörter mit Latein- und Griechisch-Kenntnissen richtig zu verstehen, weil man sie ableiten kann und nicht auswendig lernen muss, ist wertvoll, beugt so mancher Begriffsverwirrung vor.

Aber noch eindrucksvoller ist die alltägliche und weitgehende Integration der Altsprachen in moderne Landessprachen: Selbstredend ist dies bei den romanischen, aber ausgeprägt auch bei den angelsächsichen Sprachen nachweisbar. Das Englische wimmelt geradezu von altsprachlichen Stammwörtern.

Beispiel eines zufällig herausgegriffenen Artikels: Volunteers and professionals at the Austrian Space Forum are testing a prototype Mars space suit in a series of ice caves that provide conditions similar to those on the Red Planet. Humanity is still far away from a manned mission to the planet, but the enthusiasts here believe it will actually happen one day. (DER SPIEGEL – 05.02.2012) – Fast ein modernisiertes Latein mit Griechisch-Anteilen!

Trotz der sprachlichen Allgegenwart wäre es dennoch Unfug, die lateinische Sprache als moderne Alltagssprache oder auch nur als globale Wissenschaftssprache – Englisch! – wieder einzuführen. Dieser Unsinn würde unzählige geliebte Muttersprachen beleidigen, wäre eine Menschenrechtsverletzung mit nicht absehbaren Folgen. Nein, richtig war der umgekehrte Weg, den Paracelsus von Hohenheim eingeschlagen hatte, als er in Basel als Universitätsprofessor seine medizinischen Vorlesungen als erster in deutscher Mundart gehalten hat (1527/28) oder Luther, der die Bibel ins Deutsche übersetzt (1534) hatte. Die Altsprachen dennoch heute als dominierende Sprachen einführen zu wollen, wenn auch "nur" in einem bestimmten Gemeinschaftsbereich, hätte den Effekt, die Menschen verständnislos zu machen, was eine bestimmte Institution jederzeit zu schätzen wusste und weiß. Schon Giordano Bruno empörte die Kirche in Rom auch damit, dass er einen Großteil seiner Bücher in seiner italienischen Muttersprache verfasste. War doch Latein für die Kirche die Garantie dafür, dass die Bevölkerung nichts von den paradigmatischen Entdeckungen der Wissenschaften mitbekam, verbunden mit unzähligen Neuausrichtungen des Denkens und Lebens: "Je weniger die Menschen verstehen, desto mehr müssen sie glauben."

Aber seien wir dankbar, dass es auch heute noch Wissenschaftler gibt, die beide Altsprachen perfekt beherrschen: Sie sind in der Lage, das vom Christentum geschaffene Kulturloch zu überbrücken und den hohen kulturellen Standard der Antike zu vermitteln.

Und vergessen wir nicht, dass Latein nicht nur der Name einer Sprache, sondern auch einer Schrift ist. Die lateinsche Schrift – unsere Schrift – ist so unverbesserlich optimiert, dass es seit über 1000 Jahren keine Notwendigkeit zu Veränderungen gegeben hat. Aber mit dem römischen Zahlensystem hapert es doch sehr. Diese Buchstabenziffern taugen einfach nicht für das Dezimalrechnen. Unsere heute gebräuchlichen Zahlen gehen auf die "indisch-ost-arabischen Ziffern" zurück. Sie sind ebenso unverzichtbar wie das lateinische ABC mit dem griechischen Namen Alphabet.

Doch der größte Schatz, der durch jahrelange schulische Beschäftigung mit den Altsprachen geborgen werden kann, ist gerade die Tatsache, dass sie eben nicht dem schnellen Profit zuliebe gelehrt werden, gerade nicht der vorzeitigen Differenzierung eines merkantilen Denkens dienen, nicht der spezifischen Berufsausbildung vorausgreifend vor den Karren der angestrebten Karriere oder der Marktwirtschaft gespannt werden. Dass sie uns teils schockierende Erkenntnisse über Denkweisen und Gefühlslagen der antiken Menschen vermitteln, die wir als fast kongruent mit den heutigen Verhältnissen wiedererkennen. Und dass sie schließlich kulturelle Höchstleistungen der Antike belegen. Einen Entwicklungsstand, der Künste, Philosophie und Staatskunst, ganz allgemein die Wissenschaften betraf. Einen Status, an den unsere Kultur erst mit der Renaissance nach Zurückdrängen der egozentrischen christlichen Kirchenmacht wieder anschließen konnte.

Allzu frühe marktorientierte Spezialisierung schon in der Grund- und höheren Schule, die doch für eine grundlegende bzw. erweiterte Allgemeinbildung sorgen sollen, ist schädlich, verbaut den Schülern den Überblick, engt ihre Weltsicht ein. Für die Spezialisierung der erwachsenen jungen Leute in definitive Berufszweige halten sich dann die Hochschulen bereit. Natürlich können im Extremfall Menschen von Kindesbeinen an auf Tennis, Schach, Kopfrechnen oder Geigenspiel getrimmt werden, bis sie – bzw. die wenigen Übriggebliebenen von ihnen – als "Wunderkinder" herumgereicht, vermarktet und verschlissen werden, aber vielleicht nicht fähig sind, sich selbst die Schuhe zu binden. Der olle Spruch "Non scholae, sed vitae discimus" müsste erweitert werden: "Non scholae, non mercatui, sed vitae discimus". Oder ist unser Leben irreversibel zum Marktplatz verkommen?

Die alten Griechen haben den Begriff der "goldenen Mitte" geprägt. Diese Ausgewogenheit, dieses Maßhalten verhindert, dass Kindern aus meist niederen Beweggründen ihre Kindheit und Freiheit genommenn werden und sie nur noch den fremdbestimmten "Halt" finden, der in ihre vertrauensvoll aufnahmebereiten, aber hilflos-unerfahrenen Seelen gepflanzt wurde. Derart missbrauchte Kinder werden schwerlich zu unabhängigen, glücklichen und freien Menschen heranwachsen, was von manchen Gruppen auch so gewollt ist.

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