Leben oder Die Evolution des Alls

Unsere Denkschemata werden von der Gewohnheit des Spaltens, Abschottens, Polarisierens und Analysierens dominiert. Der Blick für das Vereinfachende, Verbindende bleibt dabei auf der Strecke. Wie großartig und befriedigend aber kann eine solche Vereinigung sein – wie uns beispielsweise die Beständigkeit und Gleichwertigkeit von Masse und Energie lehrt! Ob Masse oder Energie: Sie sind keine Gegensätze, sondern lediglich verschiedene Erscheinungsformen. Und nichts von ihnen geht jemals verloren. Der Masse-Energie-Komplex existiert ewig. Grundsätzlich kann man mE als Leitlinie zur Abwehr des analytischen Gegensatzdenkens das Koinzidenz-Prinzip des Cusanus ansehen.

Übrigens: Warum ist diesem N. von Kues das spätere Schicksal des G. Bruno erspart geblieben? Seine Coincidentia oppositorum widerspricht dem kirchlich behaupteten Dualismus und läuft auf einen Pantheismus hinaus. Zudem hat er nebenbei auch die geozentrische Weltsicht abgelehnt, weil die Unendlichkeit von Zeit und Raum keine Mitte haben könne! Toleranz oder gar Verständnis des Vatikans kommen als Gründe nicht in Frage. —

So ist es also denkbar, den strikten Gegensatz von toter und lebender Materie aufzuheben. Es ist plausibel denkbar, nicht nur den Lebewesen, der biologisch-organisierten Materie, sondern auch der anorganischen Materie einen Lebensanteil zuzusprechen. Existenz als Lebenskriterium! Alles, was ist, lebt! Sein ist Leben. To be means to be alive. Wie also Masse/Energie so auch Tod/Leben als Komplex ohne grundlegenden Gegensatz.

Es ist – nebenbei bemerkt – erstaunlich, dass von den bekannten Elementen, SCHON fünf ausreichen, um daraus fast die gesamte Biomasse unserer Erde zusammenzusetzen. —
Wie kann aus diesen sogenannten toten Substanzen Schwefel, Kohlen-, Wasser-, Sauer- und Stickstoff Leben gebildet werden, wenn sie nicht selbst die Lebensformel, das Körper-Geist-Seele-Prinzip, also eine Befähigung und Bereitschaft zu lebensfördernden Verbindungen in sich tragen? Die Materie als mater vitae, Mutter des Lebens; aber auch als Spielwiese für Illusionisten, die noch vorhandene Wissenslücken gerne mit Wunderglauben füllen und für ewig in der Materie nur Totes sehen wollen. Biologisches Sein in all seinen höchst komplexen Erscheinungen müsste dann durch ein Zauberwesen in einem Schöpfungsakt in die tote Welt hineingehext worden sein. Die Natur, das Universum, ist überaus "zauberhaft", "wundervoll", "göttlich" und "ungeheuerlich", hat aber nichts mit Zauberei, Wundern, einem persönlichen Gott oder Ungeheuern und Gespenstern zu tun, nichts! Die Materie ist Muttersubstanz, ist Geist und Energie, ist Lebensenergie, eine Substanz, aus der sich in chemischen Prozessen vor Jahrmilliarden anorganische, dann erste organische Verbindungen, die Anfänge der Biomasse zusammenfanden und sich über Äonen von Jahrmillionen weiter evolviert haben. Schon mit dem Ur-Urknall begann die Evolution der Materie. Das Universum, das All, der Kosmos, die Natur, alles von der Mineralo- bis zur Biosphäre ist: Materie.

Die Materie lässt sich deduktiv als Lebensursprung ableiten (Atomismus). Die Behauptung "Aus Totem kann kein Leben sein" kontert A. Schopenhauer:   Nur Staub? »»»

Diese Vorstellung lässt gleichsam die Melodie einer All-Harmonie erklingen. Sie hat etwas Beglückendes in sich: Das ganze Universum als eine Lebensgemeinschaft. Eine Gemeinschaft mit einer unvorstellbar riesigen Masse schlummernder, biologisches Leben versprechender Materie und Energie. Materie kann sich unter günstigen Bedingungen zu Biomaterie weiterentwickeln, die sich aber immer wieder ihrer Urkunft, der anorganischen Materie zurückgesellen wird. Zu einer Materie, die ewigen Bestand hat und irgendwann und irgendwo in neuer Konstellation wieder aus dem materiellen Lebensschlummer in volle Lebensentfaltung eintritt. "Von Staub bist du genommen, zu Staub wirst du gegeben" – wie wahr! Wie grausam schön, amoralisch und gerecht! Die Materie ist im Besitz "Ewigen Lebens".

Wenn alles Leben sich aus Materie entwickelt hat – wie können wir dann noch von toter Materie sprechen?!

Alles lebt. Nicht in gleicher Intensität und Differenzierung, aber teilhaftig an der universellen Lebenskraft. Und alles besitzt ein ewiges Leben. Nicht im Sinne der konventionellen Biologie oder der Theologie: Nicht im Sinne der kindischen, von Ängsten und billigen Froh- und Drohlügen geprägten Märchen etwa eines seelischen oder gar körperlichen ewigen Lebens in Himmel oder Hölle, sondern im Sinne des geschilderten Materie-Lebens in der Gemeinschaft des Alls. Wären die religiösen Dogmatiker nur etwas demütiger, lernfähiger und wirklich "gott"ergeben, sie könnten mit allen Modernismen der Wissenschaften Schritt halten und die Glaubwürdigkeit ihrer immer verschrobener wirkenden Lehren verbessern. Nur eine kleine Korrektur und ein Zuerkennen eines Lebensanteils macht aus unserer arrogant-anthropistischen eine universelle Weltsicht.

Ein Paradigmenwechsel – ganz im Sinne des Monismus, wie ihn schon Giordano Bruno, Baruch de Spinoza oder Ernst Haeckel vertraten!

Im Sinne einer allumfassenden Anwendung der Lehre Charles Darwins könnte also der Evolutionsbeginn allen Lebens bereits im Reich der Materie angesetzt werden. Wenn Planeten glühenden Auswurf ihrer Sonne darstellen, so sind das Zueinanderfinden und -passen bestimmter Elemente als Stufen der Entwicklungsleiter zu immer komplexeren Verbindungen bis hin zur Biomasse plausibel, die sich aus Materie, ausschließlich aus Materie zusammensetzt. Wunderbar!

Es bleibt die Frage, woher der Materie/Energie-Komplex herrührt, oder die Frage, was die Ur-Sache des Ur-Knalls ist. Doch diese Frage ist paradox bei der postulierten Ewigkeit der Materie, der Unendlichkeit des Alls. Etwas Unvergängliches kann nicht irgendwann entstanden sein. Es existierte schon ewig und existiert ewig weiter! Stellen wir uns doch das Universum als ein pulsierendes Wesen vor, das schon immer existiert hat und sich in einem ewigen Zyklus von Urknall-Expansion-Koinzidenz-Urknall usw oder vereinfacht in einem Zyklus von Nichts – All – Nichts – All befindet. Ist es also denkbar, dass aus Nichts Alles wird, immer wieder aufs Neue? Vermutlich wird diese Frage gar nicht naturwissenschaftlich, sondern allein philosophisch beantwortet werden müssen! Hier tut sich eine universal-religiöse Dimension auf, die nichts mit einem persönlichen "lieben Gott", nichts mit der arroganten Projektion kleinkarierten Menschentums auf ein gebasteltes Gottwesen, nichts mit den bösartigen und geisteskranken Glaubenslehren zwecks Dauer-Infantilisierung der zu beherrschenden Völker durch Dauer-Verstörung und Lähmung zu tun hat: Eine Dimension, die uns das für immer gültige Bekenntnis abverlangt: Wir wissen es nicht. Die Bescheidung im atheistischen Agnostizismus. Der ehrliche Atheismus etwa in Gestalt des Pantheismus, der nichts mit dem christologischen "Gott" zu tun haben will!

Materie  anorganisch-chem. Verbindungen    organisch-chem. Verbindungen  Biomasse

Biomasse ist eine vergängliche Effloreszenz der unvergänglichen Materie

Seit Oktober 2012

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