Sublimierung

Die Umleitung unerwünschter Triebe in edlere, sozial wertvolle Energien und Leistungen ist eine Kulturtechnik, die jeder Gesellschaft zu gehobener zivilisatorischer Blüte verhelfen und die westlichen Zivilisationen möglicherweise zu einer reiferen Kultur befördern kann.

Hierbei sollte festgehalten werden, dass der Begriff Kultur beileibe nicht nur die "schönen Künste" einschließt, sondern das gesamte artefizielle Spektrum einer Zivilisation, wie soziale, juristische, ökonomische und ökologische Gerechtigkeit, Konsumverhalten, Umgang mit Weltanschauungen, Umgang mit der gesamten Natur, dem Streben nach Glück, Regierungsstil uvm. Und weiterhin muss festgehalten werden, dass alle evolutionär ererbten animalischen Triebe grob eingeteilt bei uns Menschen teils lebenserhaltend, teils lebenszerstörend und kurz- bis mittelfristig der evolutionären Korrektur entzogen sind. So besteht kein Zweifel, dass Raub und Mord, Naturausbeutung, Betrug und Fälschung, jegliche Anhäufung von Macht und Besitz über das soziale Maß hinaus Leben und Rechte anderer Menschen zerstören. Kein Zweifel besteht zumindest bei säkular denkenden Menschen, dass andere animalische Triebe, wie etwa der Sexualtrieb, zu den existenziellen Kräften der Lebens und der Lebenswerte zählen und bei zB ideologisch begründeter Unterdrückung zu einer Vielzahl sozio-, krimino-, polito- und psychologischen Entgleisungen führt.

Nach einer 1000-jährigen Kulturfinsternis unter dem aufkommenden Christentum, das unsere hellenistisch-islamisch-indischen Kulturquellen radikal ausmerzen wollte, und dank der Renaissance dieser geschundenen Kulturschätze mit Hilfe von Beständen in islamischer Obhut konnte sich die europäische Kultur gegen erbitterten Kirchenwiderstand mit dieser "Wiedergeburt" der vorchristlichen Hochkulturen, mit der Aufklärung, üppigem Kunstschaffen und boomenden Wissenschaften erholen, konnte die Kulturtechnik Sublimierung wieder Früchte tragen.

Doch was sagt uns eine aktuelle Bestandsaufnahme? Hat uns die Sublimation nur gut getan, so dass wir uns rühmen könnten, das Optimum der oben angedeuteten Kulturkriterien erreicht zu haben?

Wurde der Raubinstinkt annähernd sublimiert und erarbeitete Vermögenswerte gerecht verteilt? Wurde die Lust am Töten im innergesellschaftlichen Bereich und außerhalb davon einer Sublimierung unterworfen? Wurde dies unter Ausschöpfung und Finanzierung aller Möglichkeiten der Deeskalierung und opferbereiten globalen Durchsetzung von Gerechtigkeit ernsthaft versucht? Oder hat der Dominanz-Trieb wenigstens bei unseren RegierungsvertreterInnen zum Verzicht auf Machtanhäufung geführt? Ganz zu schweigen von den Weltmachtgelüsten halb krimineller, halb rechtsstaatlicher Nationen! Haben wir das Sektenunwesen einschließlich der Großsekten, unserer Kirchen, in die Schranken verwiesen, die Bevormundung und systematische Verdummung und Verbravung durch religiöse Denkhemmung unterbunden?

Und haben die selbsternannten religiösen Sublimateure des Bösen, haben die Geistlichen unserer Kirchen ihren Job erfüllt? Sie haben in einer beispiellosen Umkehr der Sublimierung jeden, aber wirklich jeden sogenannten christlichen Wert in sein Gegenteil verkehrt, haben Mord zum Gottesdienst erhoben, haben den Sex und alle seine Spielarten verteufelt und sich als Zwangszölibatäre in großer Zahl zu Kinderschändern und Ehebrechern entwickelt, haben die zehn Gebote gepredigt und sich selbst zu Mördern und Räubern "sublimiert", zu Betrügern und Luxuskonsumenten, zu Anbetern des "Goldenen Kalbs", unglaublicher Reichtümer – zusammengerafft von dem Geld der real arbeitenden Steuerzahler und von den Renditen ihrer historisch bewiesenen Raubmordzüge und Betrügereien!

Nein, nicht nur diese "Herren", auch wir, das "G’scherr", wir sind bisher weit, zu weit hinter unseren Möglichkeiten der Sublimierung zurückgeblieben und wiegen uns in trügerischer Sicherheit, weil andere Zivilisationen es nicht besser machen und viele unterentwickelten Gesellschaften im Chaos leben und sterben. Gesellschaften übrigens, die allzu oft schmerzliche Bekanntschaft mit den als Missionare auftretenden, "höher" entwickelten Herrenmenschen gemacht hatten und dann ihrem Schicksal der fortgesetzten Ausbeutung ausgesetzt blieben.

Zu behaupten, die Sublimierung hätte uns gutgetan, wäre euphemistisch und blendet zu viel aus, wie etwa die gegenseitige Zerfleischung der europäischen christlichen Nationen in zwei infernalischen Weltkriegen! Und wenn man Sexualität im Sinne der katholischen Kirche sublimiert, können daraus vielleicht Fleiß und Kreativität entstehen – aber auch kollektive Sexualneurosen, weitverbreitete Depressionen, ein milliardenschwerer Pornomarkt und eine Sündflut von Straftaten: Im Prinzip das klassische Resultat jeder Prohibition! Ausgerechnet die staatlich subventionierten Sublimieranstalten unserer Gesellschaft, unsere Kirchen und hier insbesondere die katholische Kirche, bieten seit Jahrtausenden, aber heute in einer aufgeklärteren Gesellschaft ganz offenkundig und nicht mehr hinnehmbar, ein schaurig-trauriges Schauspiel missglückter Sublimierung, ob Raff- oder Prunksucht, ob Kinderschändung oder andere Deviationen, ob Lügen oder Betrügen, ob Kriegshetze oder Foltereinsatz: Gestalten wie Ratzinger mit seinem Dreigestirn Mixa, Meisner, Müller (von Regensburgpfui nach Romhui!) oder Overbeck und Tebartz van Elst: Abschreckender kann religiös-aufgenötigte, also pervertierte Sublimierung nicht demonstriert werden!

Februar 2014

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